Das zweite Leben der Dinge
In Hohenems sortiert carla Tex jährlich über 1.500 Tonnen Gebrauchtkleider — als einziges Vollsortierwerk Österreichs. Was nach einer Ökobilanz klingt, ist auch eine Geschichte über Menschen, die herausfinden, dass sie gebraucht werden.
Karoline Mätzler hat diesen Weg schon hundertmal gemacht. An diesem Novembertag 2025 geht sie ihn mit Bundesminister Norbert Totschnig, Landesrat Christian Gantner und Bürgermeister Dieter Egger. An den Sortiertischen arbeiten die Menschen konzentriert. Griff, Prüfung, Zuordnung. Winterjacken, Sommerkleider, Vorhänge, Bettwäsche — Vorarlberger Haushalte geben es ab, Hohenems sortiert es ein, in über 200 Kategorien nach Material, Zustand, Art. Karoline Mätzler erklärt, Standortleiter Peter Waldmann ergänzt. BM Totschnig nennt es ein „wegweisendes Projekt“. Er macht Fotos. Mätzler hört das oft. Als Vorstandsmitglied von arbeit plus Vorarlberg, Fachbereichsleiterin bei carla Vorarlberg, Bundessprecherin für soziale Textilwirtschaft und langjähriges Aufsichtsratsmitglied bei Re-Use Austria kennt sie den Abstand zwischen Anerkennung und politischer Konsequenz gut.
Dreißig Jahre. Eine Industrie geht, eine andere beginnt.
carla Tex ist das einzige Vollsortierwerk Österreichs. Als Vorarlbergs Textilindustrie in den 1990er Jahren zusammenbrach, suchten Caritas, AMS und Land Vorarlberg nach Wegen, arbeitssuchende Menschen wieder in Beschäftigung zu bringen. Gedacht war es nicht als Modellprojekt. Es wurde eines. Heute werden in Vorarlberg jährlich rund 3.500 Tonnen Gebrauchtkleider gesammelt, über 1.500 Tonnen davon werden in Hohenems sortiert. Rund 60 Prozent kehrt als Bekleidung in den Kreislauf zurück, der Rest als Putzfetzen, Rohstoff, Recyclingmaterial. Textil- und Restabfälle werden ordnungsgemäß entsorgt.
In Vorarlberg führen die Gemeinden und die Caritas als einziger sozialer Partner die flächendeckende Sammlung gemeinsam durch. Auch die Vermarktung über fünf carla-Stores im Land erfolgt in enger Abstimmung: Secondhand-Mode zu niedrigen Preisen, an einkommensschwache Haushalte günstiger, an besonders Bedürftige kostenlos. Walter Gohm, Präsident des Vorarlberger Gemeindeverbands, nennt es beim Namen: carla stärke „ganz konkret den Zusammenhalt und die gelebte Solidarität in unseren Gemeinden“ — etwas, das in keiner Abfallstatistik auftaucht.
Landesrat Mag. Marco Tittler, zuständig für Wirtschaft und Arbeitsmarkt, sieht darin mehr als Sozialpolitik. Das Besondere an carla sei die starke regionale Verankerung und die enge Kooperation mit heimischen Betrieben, Gemeinden und Abfallwirtschaftsverbänden: eine Zusammenarbeit, die eine Win-win-Situation schaffe, „nicht nur für die unmittelbar Beteiligten, sondern für die gesamte Gesellschaft“.
Wer hier arbeitet, und warum das zählt.
Wer als Mitarbeiter:in zu carla Tex kommt, kommt über das AMS. Langzeitbeschäftigungslosigkeit, Gesundheitseinschränkungen, ein Leben, das irgendwann aus dem Takt geraten ist. Im Sortierwerk lernen die Transitarbeitskräfte Textilqualität, Sortierkategorien, Materialflüsse — ein Knowhow, das mit dem europäischen Green Deal gerade als Zukunftskompetenz gilt.
Karoline Mätzler bringt die ökonomische Dimension auf den Punkt: „Die eingesetzten Mittel leisten einen Mehrfachnutzen. Sie bringen ökologische Leistungen für die Kreislaufwirtschaft, sozialen Mehrwert der Beschäftigung und Wertschöpfung im Inland.“ Das werde noch immer unterschätzt. Tittler ergänzt, dass die marktnahen Arbeitsplätze bei carla arbeitsmarktfernen Menschen Zugang zu einem Feld eröffnen zu einem zukunftsorientierten und arbeitsplatzintensiven Tätigkeitsfeld, das „zugleich ein erhebliches regionales Entwicklungspotenzial birgt“. Green Jobs ist hier kein Versprechen für später.
Die Forschung kommt nach Hohenems.
Als BM Totschnig und seine Delegation durch das Sortierwerk gehen, kommen die Fragen: Wie skaliert man das? Kann dieses Modell auf andere Bundesländer übertragen werden? In dreißig Jahren ist in Hohenems Praxiswissen entstanden, das sich nicht einfach kopieren lässt. Österreichische Forschungseinrichtungen fragen längst nach. Das Projekt GemSort, gefördert durch die FFG, baut direkt darauf auf — Forschung zur automatisierten Textilsortierung, carla Tex als Praxispartner. Weitere Partner sind u.a. die TU Wien, KUL Linz, Montanuni Leoben, Profactor, iRED, Redwave, Exaron, Bluesource.
Landesrat Gantner, der den Ministerbesuch begleitete:
Was auf dem Spiel steht.
Die textile Kreislaufwirtschaft durch soziale Träger wird in Österreich fast ausschließlich über arbeitsmarktpolitische Mittel finanziert. Das hat lange funktioniert. Jetzt ändern sich die Rahmenbedingungen. Die Erlöse für Originalsammelware sind gefallen, Gebrauchtkleidung aus aller Welt drückt den Markt, und bestehende Sammelsysteme stehen ohne finanziellen Ausgleich an der Kippe. Seit dem 1. Januar 2025 ist die getrennte Textilsammlung EU-rechtlich verpflichtend. Die Mengen wachsen. Die Infrastruktur für Sortierung und Wiederverwertung fehlt, österreichweit — mit einer Ausnahme.
In Hohenems ist in dreißig Jahren genau das entstanden, was österreichweit gebraucht wird. Re-Use vor Recycling, Sortierung im Inland, sozialwirtschaftliche Träger mit echtem Markt-Knowhow. Karoline Mätzler: „Durch Wiederverwendung, Upcycling und Reparatur werden Ressourcen geschont und Abfallmengen reduziert.“ Das Modell ist da. Es braucht jetzt eine politische Entscheidung, damit es bleibt.
Wer in Vorarlberg eine Jacke abgibt, gibt sie in einen Kreislauf, der funktioniert: gesammelt von der Gemeinde, sortiert in Hohenems, verkauft in fünf Läden im Land, abgegeben an jene, die es am meisten brauchen. Und dazwischen: Hände, die gelernt haben zu unterscheiden. Menschen, die herausgefunden haben, dass ihre Arbeit zählt.
Fotos: BMLUK_Hemerka
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